Karlsson vom (Kirchturm-) Dach

Es war einmal vor gar nicht allzu langer Zeit, da bekam ich einen Anruf. „Ich weiß ja nicht, ob Sie da der richtige Ansprechpartner sind, aber ich habe da ein Problem...“, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung. „Oh Gott“, dachte ich schon insgeheim. Denn: Wenn Telefongespräche mit so einem Satz starten, dann will sich bestimmt jemand beschweren.
Aber das war es diesmal gar nicht, es ging um etwas gaaanz anderes. Und das erzählt die folgende Geschichte:

TurmfalkennachwuchsEs war einmal ein kleiner Turmfalke, der hieß Karlsson. Er lebte mit seiner Mutter und den vier Geschwistern in einer
Fensternische oben im Turm einer Kirche. Die Kirche stand - und steht sie noch - in Offenhausen.

Dort wuchs er heran - am Anfang noch hatte er ein weißes Fell - und die Mutter sorgte gut für sie. Immer gab es frische Mäuse zum Essen, die sie für ihre Kinder jagte und zu ihrem Nistplatz brachte.

Nach einiger Zeit begann das weiße Fell auszufallen. Stattdessen bekam er braune und graue Federn. Auch seine Flügel waren jetzt viel größer. Und Karlsson und seine vier Geschwister hatten immer weniger Platz auf dem Fenstersims. Denn sie sind alle fünf größer geworden.

Und eines Tages sagte die Mutter: „So, meine lieben Kinder, jetzt ist es für euch an der Zeit, dass ihr flügge werdet, und dass ihr das Fliegen ausprobiert, damit ihr euch selbst eure Mäuse fangen könnt.“ Karlsson schaute ängstlich von dem hohen Turm runter in den Kirchhof. „Ganz schön tief“, dachte er sich. „Das schaff ich doch nie...!“

Seine Geschwister waren mutiger. Sie stürzten sich vom Fenstersims, breiteten die Flügel aus - so wie sie es schon so oft bei ihrer Mutter gesehen haben - und segelten im Gleitflug über den Kirchhof hinweg.

Turmfalkennachwuchs„Na komm, Karlsson!“ rief ihm seine Schwester Karla zu. „Oder traust Du Dich etwa nicht?!“ - „Ach“, rief sein Bruder. „Lass ihn. Das Weichei ist zu spät geschlüpft.“ Alle vier lachten. Karlsson war den Tränen nah. „Euch zeig ich‘s!“ dachte er und warf sich aus dem Fenstersims. Er breitete die Flügel aus. Doch anstatt sanft zu segeln, rauschte er in Kreisen immer weiter auf den Boden zu. Er flatterte wie wild - doch ... RUMMS! ... schlug er im Gras auf und ihm wurde ganz schwarz vor Augen.

TurmfalkeAls er wieder zu sich kam, sah er um sich rum nur schwarze Gitter. Ganz eng war es um ihn geworden. Und riesige rosa Zweibeiner schauten zu ihm runter. Er zitterte vor Angst, als sich ihm zwei riesige Hände entgegenstreckten und ihn hoch hoben. Doch sie machten gar nichts schlimmes, sondern brachten ihn hinaus auf die Wiese. Dort setzten sie ihn ins Gras. Wieder waren Gitter um ihn herum. „Aber wenigstens bin ich wieder draußen“, dachte er. Der riesige Mensch ging wieder zurück zum Haus.
„Wenn ich doch nur fliegen könnte“, dachte er. „Dann könnte ich einfach fortfliegen.“ Doch jetzt war er erstmal zu erschöpft. Die Augen fielen ihm zu, und er schlief an das Gitter in einer Ecke des Käfigs gelehnt ein...

Als er wieder aufwachte ging es ihm schon etwas besser. Die Angst war verflogen und die Kräfte waren schon wieder zurück gekommen. Karlsson hüpfte (Turmfalken laufen nicht auf dem Boden, sie hüpfen.) an den Gittern des Käfigs entlang und schaute in die Umgebung. Weiter unten war das große Haus der Menschen. Weiter oben wuchsen Erdbeeren groß und rot auf einem Beet.

Und da fiel ihm auf, dass ein paar Gitterstäbe etwas weiter auseinander standen als die anderen. Langsam hüpfte er darauf zu. Schaute noch einmal nach links und rechts und ... schwups ... war er durch die Lücke geschlüpft. Freiheit. Endlich wieder frei. Ganz glücklich breitete er die Flügel aus, hüpfte über das Gras und piepste vor Freude. Er schlug wie verrückt mit seinen Flügeln und auf einmal merkte er „Huch, ich hab gar keinen Boden mehr unter den Füßen.“

Er flog! Karlsson flog! Er wirbelte durch die Luft, sauste zwischen den Bäumen hindurch und pfiff aus voller Kehle. Schließlich suchte er sich einen hohen Laubbaum im Garten aus und setzte sich auf einen hohen Ast. Jetzt konnte er es seinen Geschwistern zeigen.

Doch dann überlegte er. „Warum soll ich mir das antun, wo die vier so gemein zu mir waren?“ Und so saß er auf dem Baum und sah in die Umgebung. Mit seinen Augen konnte er richtig weit sehen. Über das Dorf. Hinein in die Felder und bis zu den Hügeln der Umgebung. Aber der Horizont schien noch weiter zu gehen. „Den will ich entdecken“, dachte sich Karlsson und breitete seine Flügel aus. Dann schwang er sich vom Ast und flog hinaus in die Welt. An die Orte, wo der Wind ihn hintrug...

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